Atherosklerose beginnt mit 20, nicht mit 60
Warum Dein Cholesterinwert die falsche Frage beantwortet, und warum «normal» kein Ziel ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Atherosklerose ist keine Alterskrankheit. Erste Gefässveränderungen finden sich bereits bei jungen Erwachsenen, Jahrzehnte vor dem ersten Symptom.
- Der klassische Risikorechner beantwortet die Frage «Wer sollte behandelt werden?» auf Bevölkerungsebene. Er beantwortet nicht die Frage «Ist mein Gefässsystem gesund?».
- Alter ist der stärkste Einflussfaktor in diesen Rechnern. Deshalb erscheinen fast alle unter 50 als «niedriges Risiko», genau in dem Lebensabschnitt, in dem Vorbeugung am meisten bewirkt.
- ApoB misst die Anzahl der gefässschädigenden Partikel und ist dem klassischen LDL-Cholesterin überlegen, weil beide Werte bei vielen Menschen auseinanderfallen.
- Entscheidend ist nicht der heutige Wert, sondern die kumulative Exposition: ApoB multipliziert mit Lebenszeit, vergleichbar mit Packungsjahren beim Rauchen.
- Eine vollständige Standortbestimmung braucht zwei Komponenten: den Antrieb (Risikofaktoren) und die Manifestation (ist bereits Plaque vorhanden?). Erst beide zusammen erlauben eine richtige Entscheidung.
- Nachschauen ist möglich: Ultraschall von Leiste und Halsschlagadern zeigt Ablagerungen strahlungsfrei und wiederholbar, und zwar früher als jede Herzuntersuchung.
Die Szene, die sich jede Woche wiederholt
Ein 45-jähriger Mann sitzt mir gegenüber. Er hat vor drei Monaten beim Hausarzt ein Blutbild machen lassen. Der Befund: «Cholesterin leicht erhöht, aber im Rahmen. Alles in Ordnung.» Er fühlt sich gut, treibt Sport, raucht nicht.
Und er hat, wie sich zeigen wird, bereits messbare Plaque in beiden Leistengefässen.
Das ist kein Versagen seines Hausarztes. Sein Hausarzt hat exakt das getan, was der medizinische Standard vorsieht. Das Problem liegt tiefer: Der Standard beantwortet eine andere Frage, als dieser Mann gestellt hat.
Er wollte wissen: Sind meine Gefässe gesund?
Beantwortet wurde: Ist bei ihm in den nächsten zehn Jahren mit einem Ereignis zu rechnen, das eine Behandlung rechtfertigt?
Das ist nicht dieselbe Frage. Und der Unterschied entscheidet über Jahrzehnte.
Warum «Ihre Werte sind in Ordnung» so wenig bedeutet
Die kardiovaskuläre Risikoabschätzung, wie sie heute weltweit praktiziert wird, beruht auf Rechenmodellen. Man gibt Alter, Geschlecht, Blutdruck, Cholesterin und Rauchstatus ein und erhält eine Prozentzahl: das Risiko, in den nächsten zehn Jahren ein Herz-Kreislauf-Ereignis zu erleiden.
Diese Modelle sind eine grosse Errungenschaft. Sie wurden entwickelt, um Behandlungsressourcen auf Bevölkerungsebene sinnvoll zu verteilen, also um zu entscheiden, wer von einer medikamentösen Therapie so wahrscheinlich profitiert, dass sich der Einsatz rechnet. Für diesen Zweck funktionieren sie gut.
Für die Frage eines einzelnen 45-Jährigen nach dem Zustand seiner Arterien haben sie zwei strukturelle Schwächen.
Erstens: Alter dominiert die Rechnung. In allen gängigen Modellen ist das Lebensalter der mit Abstand stärkste Einflussfaktor. Das ist statistisch korrekt, denn die meisten Ereignisse treten jenseits der 60 auf. Es führt aber dazu, dass ein 42-Jähriger mit deutlich ungünstigen Blutfetten rechnerisch als «niedriges Risiko» erscheint, während ein 70-Jähriger mit hervorragenden Werten als «hohes Risiko» eingestuft wird. Die Rechnung sagt in Wahrheit vor allem: Du bist jung. Sie sagt nicht: Deine Gefässe sind gesund.
Zweitens: Diese Modelle schätzen Ereignisse, nicht Krankheit. Ein zehnjähriges Zeitfenster ist bei einer Erkrankung, die sich über vierzig Jahre entwickelt, ein sehr kurzer Ausschnitt. Ein niedriges Zehnjahresrisiko schliesst nicht aus, dass der Prozess längst läuft. Es sagt nur, dass er in diesem Jahrzehnt statistisch noch nicht klinisch auffällig wird.
Genau hier verliert die Prävention ihre wertvollste Zeit.
Wann Atherosklerose wirklich beginnt
Was wir über den Beginn der Erkrankung wissen, stammt nicht aus Vermutungen, sondern aus Autopsiestudien: aus Untersuchungen der Gefässe von jungen Menschen, die durch Unfälle oder Gewalt ums Leben kamen und zuvor gesund waren.
Die Befunde sind eindeutig und seit Jahrzehnten reproduziert. Bereits bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden sich Fettstreifen in der Hauptschlagader, die früheste Form der Ablagerung. In der Altersgruppe um 30 zeigt ein erheblicher Teil bereits fortgeschrittenere, erhabene Läsionen in den Herzkranzgefässen. Nicht bei Kranken, sondern bei Menschen, die sich vollkommen gesund fühlten und es nach jeder klinischen Definition auch waren.
Daraus folgt ein Satz, der die ganze Perspektive verschiebt:
Der Herzinfarkt mit 58 ist nicht der Anfang der Erkrankung. Er ist ihr Endpunkt, nach dreissig bis vierzig Jahren stiller Entwicklung.
Diese stille Phase ist keine Grauzone, in der man nichts tun kann. Sie ist im Gegenteil das gesamte Zeitfenster, in dem Vorbeugung überhaupt wirkt. Wer erst reagiert, wenn der Risikorechner Alarm schlägt, greift in die letzten Jahre eines jahrzehntelangen Prozesses ein.
Die Ursache: ApoB, ein Partikel, ein Protein
Um zu verstehen, warum ein bestimmter Laborwert so viel wichtiger ist als der klassische Cholesterinwert, muss man einen Moment auf die Biologie schauen.
Cholesterin ist nicht wasserlöslich. Es wird im Blut in Transportpartikeln bewegt, kleinen Kugeln aus Fett und Eiweiss. Jedes dieser potenziell gefässschädigenden Partikel trägt an seiner Oberfläche genau ein Strukturprotein: Apolipoprotein B, kurz ApoB.
Ein Partikel, ein ApoB. Das macht die Messung so aussagekräftig.
ApoB ist die Anzahl der Partikel, die in Deine Gefässwand eindringen können. Nicht die Menge des Cholesterins, das sie transportieren.
Und genau hier liegt das Problem des klassischen LDL-Cholesterins: Es misst die Fracht, nicht die Fahrzeuge. Zwei Menschen können identisches LDL-Cholesterin haben. Der eine transportiert es in wenigen, grossen Partikeln, der andere in vielen, kleinen. Der zweite hat deutlich mehr Partikel, die die Gefässwand attackieren können, bei exakt demselben «guten» Laborwert.
Dieses Auseinanderfallen ist kein Randphänomen. Es betrifft besonders Menschen mit Bauchfett, erhöhten Triglyzeriden, Insulinresistenz oder Typ-2-Diabetes, also einen sehr grossen Teil der Bevölkerung und ausgerechnet jene, deren Risiko unterschätzt wird.
Woher wir wissen, dass es Ursache ist und nicht Begleiterscheinung
Der stärkste Beleg stammt aus der Genetik. Es gibt Menschen, die durch natürliche Genvarianten von Geburt an sehr niedrige ApoB-Werte haben. Diese Menschen erleiden dramatisch seltener Herzinfarkte, und zwar lebenslang. Am anderen Ende stehen Menschen mit familiärer Hypercholesterinämie, deren Werte von Geburt an stark erhöht sind und die ohne Behandlung oft schon in mittleren Jahren erkranken.
Diese «Experimente der Natur» sind methodisch besonders wertvoll, weil die genetische Ausstattung bei der Zeugung zufällig verteilt wird, vergleichbar mit einer lebenslangen randomisierten Studie. Sie zeigen: ApoB-tragende Partikel sind nicht ein Marker für Atherosklerose. Sie sind ihre notwendige Ursache.
Lipoprotein(a): der Wert, den fast niemand kennt
Ein Sonderfall verdient Erwähnung: Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Es ist ein ApoB-tragendes Partikel mit einem zusätzlichen Eiweissanhang, seine Höhe ist zu über 90 Prozent genetisch festgelegt und lebenslang weitgehend stabil. Etwa jeder Fünfte trägt eine relevant erhöhte Konzentration und weiss es fast nie, weil der Wert im Standardlabor nicht enthalten ist.
Deshalb gilt: Lp(a) sollte einmal im Leben gemessen werden. Nicht, weil es sich direkt gut behandeln liesse, das ist heute nur eingeschränkt möglich, sondern weil ein erhöhter Wert die gesamte übrige Strategie verschärft. Er verschiebt die Zielwerte nach unten und die Diagnostik nach vorne.
Der eigentliche Kern: kumulative Exposition
Jetzt kommt der Gedanke, der in der Praxis am meisten verändert und den kein Risikorechner abbilden kann.
Entscheidend für die Entstehung von Plaque ist nicht, wie hoch Dein ApoB heute ist. Entscheidend ist, wie hoch es über Jahrzehnte war. Es ist ein Produkt aus Konzentration und Zeit.
Die beste Analogie sind Packungsjahre beim Rauchen. Niemand würde einen Raucher fragen, wie viele Zigaretten er heute geraucht hat, und daraus sein Lungenkrebsrisiko ableiten. Man fragt: wie viel, wie lange. Bei Blutfetten denken wir seltsamerweise fast immer nur an die Momentaufnahme.
Für die Gefässe zählt die Fläche unter der Kurve über das ganze Leben. Man könnte von Partikel-Jahren sprechen.
Daraus folgt etwas, das der derzeitigen Praxis diametral widerspricht: Zwei Menschen mit identischem Zehnjahresrisiko können völlig unterschiedliche Lebenszeitrisiken haben, je nachdem, wie lange sie ihre Exposition schon tragen. Und wer mit 35 beginnt, seine Exposition zu senken, verhindert ein Vielfaches dessen, was jemand verhindert, der mit 55 beginnt. Nicht weil die Therapie besser wirkt, sondern weil sie zwanzig Jahre länger wirkt.
Genau diese zwanzig Jahre sind es, die das heutige System systematisch verschenkt.
Zwei Fragen, nicht eine
An dieser Stelle wird eine Unterscheidung wichtig, die im Alltag fast immer untergeht. Eine vollständige Standortbestimmung besteht aus zwei Komponenten, und keine kann die andere ersetzen.
Erstens der Antrieb: Was treibt den Prozess?
Dazu gehören die Familiengeschichte, ApoB und das übrige Lipidprofil, Lp(a), der Blutdruck, der Glukose- und Insulinstoffwechsel, Entzündungsmarker, Rauchstatus, Körperzusammensetzung, Schlafqualität und die Nierenfunktion. Diese Faktoren beschreiben, mit welcher Geschwindigkeit sich Ablagerungen bilden. Sie sind die Stellschrauben, an denen man drehen kann.
Zweitens die Manifestation: Was ist bereits entstanden?
Das beantwortet keine Blutuntersuchung, sondern nur die Bildgebung. Sie zeigt, wie weit der Prozess tatsächlich fortgeschritten ist, unabhängig davon, was die Laborwerte vermuten lassen.
Der Punkt ist: Aus beiden zusammen ergibt sich die Entscheidung, aus jeder einzeln nicht.
| Antrieb (Risikofaktoren) | Manifestation (Plaque) | Was daraus folgt |
|---|---|---|
| unauffällig | keine | Bestätigung. Kurs halten, grosse Kontrollintervalle |
| erhöht | keine | Das wertvollste Fenster. Ursachen senken, bevor etwas entsteht |
| unauffällig | vorhanden | Aufmerksam werden. Nach nicht erfassten Treibern suchen, konsequenter behandeln |
| erhöht | vorhanden | Klare Situation. Tiefe Zielwerte, engmaschiger Verlauf |
Besonders lehrreich ist die dritte Zeile. Wer bereits Plaque hat, obwohl die klassischen Risikofaktoren unauffällig sind, hat fast immer einen Treiber, der bisher nicht gemessen wurde: ein erhöhtes Lp(a), eine unerkannte Schlafapnoe, eine stille Entzündungslast, eine Insulinresistenz bei normalem Nüchternzucker. Ohne Bildgebung wäre dieser Mensch weiterhin als «unauffällig» geführt worden.
Statt schätzen: nachschauen
Wenn die Frage lautet «Habe ich die Erkrankung bereits?», dann gibt es eine erstaunlich naheliegende Antwortmöglichkeit: hinschauen.
Wo man am frühesten etwas sieht
Die intuitive Annahme wäre, dass man dafür das Herz untersucht. Grosse Bildgebungskohorten an beschwerdefreien Erwachsenen mittleren Alters, allen voran die spanische PESA-Studie, zeigen jedoch eine andere Reihenfolge. Am häufigsten und am frühesten finden sich Ablagerungen in den Becken- und Leistengefässen. Danach folgen die Halsschlagadern. Die Herzkranzgefässe zeigen zuletzt sichtbare Veränderungen, und Verkalkung dort ist ein spätes Stadium.
Das ist eine praktisch hochrelevante Beobachtung: Wer nur am Herzen sucht, sucht am spätesten Ort. Und wer nur die Halsschlagadern untersucht, übersieht einen Teil derjenigen, bei denen der Prozess bereits begonnen hat.
Deshalb untersuche ich beides, Leiste und Halsschlagadern, mit Ultraschall.
Warum Ultraschall und nicht Computertomografie
Der Kalkscore des Herzens (Koronarkalk im CT) ist gut untersucht und aussagekräftig, hat aber zwei Einschränkungen. Er zeigt nur verkalkte Ablagerungen, und Verkalkung ist ein spätes Stadium. Junge weiche Plaque, die für akute Ereignisse besonders relevant ist, bleibt unsichtbar. Ein Kalkscore von null bei einem 40-Jährigen ist deshalb ein schwacher Beruhigungsgrund. Zudem ist die Untersuchung mit Strahlung verbunden und damit nicht beliebig wiederholbar.
Der Ultraschall von Leiste und Halsschlagadern ist strahlungsfrei, beliebig wiederholbar, kostengünstig, und er zeigt auch nicht verkalkte Ablagerungen. Damit funktioniert er genau in der Altersgruppe und in dem Stadium, in dem der Kalkscore noch schweigt.
Modern wird dabei nicht nur die Wanddicke gemessen, ein Parameter mit begrenzter Aussagekraft, sondern die Plaquefläche systematisch erfasst und quantifiziert. Das ergibt eine Zahl, die zweierlei leistet: Sie beantwortet die Frage nach dem Ist-Zustand, und sie ist im Verlauf wiederholbar. Man sieht also, ob die Strategie wirkt.
Der psychologische Effekt ist dabei nicht zu unterschätzen. Eine abstrakte Prozentzahl aus einem Rechenmodell bewegt wenige Menschen. Das Bild der eigenen Arterie bewegt fast alle.
Plaque ist kein Schicksal
Lange galt Atherosklerose als Einbahnstrasse: einmal da, immer da. Diese Vorstellung ist überholt.
Bildgebende Studien mit intensiver Senkung der ApoB-tragenden Partikel zeigen konsistent, dass sich die Plaquelast stabilisieren und in einem Teil der Fälle zurückbilden kann. Ebenso wichtig wie das Volumen ist dabei die Beschaffenheit: Ablagerungen werden faseriger, die Deckschicht dicker, der weiche Kern kleiner. Das Material wird also stabiler und damit weniger anfällig für den Riss, der einen Infarkt auslöst.
Der entscheidende Punkt: Diese Effekte treten nicht bei «normalen» Werten ein, sondern bei deutlich tiefen Werten. Und «normal» ist ohnehin ein irreführender Begriff. Laborreferenzbereiche zeigen, was in der Bevölkerung üblich ist. In einer Bevölkerung, in der Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache sind, ist «üblich» aber kein sinnvolles Ziel.
Welche Werte werden diskutiert?
Hier bewegen wir uns bewusst über die Standardvorgaben hinaus, deshalb formuliere ich zurückhaltend und begründe jede Zahl.
Die Datenlage und die Einschätzung vieler Lipidspezialisten deuten in folgende Richtung:
| Situation | Diskutierter ApoB-Bereich |
|---|---|
| Vorbeugung ohne nachgewiesene Plaque | unter etwa 0,8 g/L (80 mg/dL) |
| Nachgewiesene Plaque oder erhöhtes Gesamtrisiko | in Richtung 0,6 g/L (60 mg/dL) |
| Ausgeprägte Plaquelast, Rückbildung als Ziel | teilweise 0,4 bis 0,5 g/L (40 bis 50 mg/dL) |
Diese Bereiche sind keine verbindlichen Grenzwerte, und sie stehen so nicht in jeder Leitlinie. Sie sind eine Übertragung dessen, was die Kausalitätsdaten, die Bildgebungsstudien und die Erfahrung mit sehr niedrigen Werten nahelegen. Sie ersetzen keine individuelle Festlegung: Ein 35-Jähriger mit erhöhtem Lp(a) und positiver Familienanamnese wird anders eingeordnet als eine 60-Jährige mit unauffälliger Bildgebung.
Was ich daraus praktisch ableite: Der Zielwert ergibt sich aus der Situation, nicht aus dem Referenzbereich des Labors.
Was das konkret bedeutet
Den Antrieb messen. ApoB gehört in die Standortbestimmung, nicht als Ersatz für das Lipidprofil, sondern als dessen aussagekräftigster Bestandteil. Lp(a) einmal im Leben. Dazu der Kontext, in dem sich die Blutfette bewegen: Blutdruck, Nüchterninsulin, Langzeitzucker, Leberwerte, Nierenfunktion, ein Entzündungsmarker, Körperzusammensetzung, Schlafqualität und die Familiengeschichte.
Die Manifestation anschauen. Bei allen, bei denen Werte, Familiengeschichte oder Alter es rechtfertigen: Ultraschall von Leiste und Halsschlagadern zur Bestimmung der tatsächlichen Plaquelast. Der Befund verändert die Zielwerte und die Motivation.
Handeln, in dieser Reihenfolge. Die Grundlage bleibt der Lebensstil, und zwar ohne Beschönigung: Ernährungsumstellung, Krafttraining, Ausdauer, Schlaf und Rauchverzicht wirken auf ApoB, messbar, aber begrenzt. Bei den meisten Menschen liegt die erreichbare Senkung im Bereich von zehn bis zwanzig Prozent. Wer von 1,3 g/L kommt, erreicht damit keinen Zielwert von 0,6 g/L. Das offen zu sagen, gehört zur Aufklärung. Alles andere führt zu Frustration und verlorenen Jahren.
Reicht es nicht, steht eine gut untersuchte medikamentöse Stufenleiter zur Verfügung, beginnend mit den etablierten Standardwirkstoffen, ergänzbar um Substanzen, welche die Aufnahme von Cholesterin im Darm hemmen, und in weiteren Stufen um Wirkprinzipien, welche den Abbau der Partikel in der Leber steigern. Welche Stufe sinnvoll ist, hängt vom Abstand zum Ziel ab, nicht von einer starren Vorgabe.
Kontrollieren. ApoB nach jeder Anpassung im Abstand von etwa acht bis zwölf Wochen, danach in grösseren Intervallen. Die Bildgebung im Abstand von ein bis zwei Jahren. Sie beantwortet die eigentliche Frage: Wirkt die Strategie dort, wo die Erkrankung stattfindet?
Was ich ausdrücklich nicht behaupte
Ein Text wie dieser wäre unvollständig ohne die Gegenrede.
Tiefes ApoB beseitigt das Risiko nicht. Es ist die stärkste einzelne Stellschraube, aber es bleibt ein Restrisiko. Blutdruck, Entzündung, Insulinresistenz, Rauchen, Schlaf und genetische Faktoren wirken weiter. Wer nur auf einen Laborwert schaut, macht denselben Fehler wie jemand, der nur aufs Gesamtcholesterin schaut, nur auf höherem Niveau.
Die sehr tiefen Zielwerte in der Vorbeugung sind eine Übertragung. Die harten Endpunktstudien wurden überwiegend an Menschen mit bereits bestehender Erkrankung oder deutlich erhöhtem Risiko durchgeführt. Dass die Logik der kumulativen Exposition auch für den 40-Jährigen ohne Beschwerden gilt, ist biologisch sehr gut begründet, aber es ist eine Ableitung, keine direkt bewiesene Tatsache. Diese Unterscheidung gehört in jedes ehrliche Gespräch.
Mehr Diagnostik ist nicht automatisch besser. Bildgebung kann Zufallsbefunde produzieren, die verunsichern und zu weiterer Diagnostik führen, ohne dass jemandem geholfen ist. Eine Untersuchung ist dann sinnvoll, wenn ihr Ergebnis eine Entscheidung verändert, sonst nicht.
Und die Umkehrung gilt auch: Nicht jeder braucht mit 30 eine Gefässdarstellung. Wer eine unauffällige Familiengeschichte hat, günstige Werte und einen gesunden Lebensstil, kann mit einer Standortbestimmung und grossen Intervallen sehr gut fahren.
Häufige Fragen
Was ist ein guter ApoB-Wert?
Es gibt keinen einzelnen guten Wert für alle. Als Orientierung wird in der Vorbeugung häufig ein Bereich unter etwa 0,8 g/L (80 mg/dL) diskutiert, bei nachgewiesener Plaque oder erhöhtem Risiko deutlich tiefer. Der individuelle Zielwert ergibt sich aus Alter, Bildgebung, Lp(a) und Familiengeschichte.
Reicht der Cholesterinwert vom Hausarzt nicht?
Für eine erste Einschätzung ist er nützlich. Er kann aber täuschen: Bei Menschen mit Bauchfett, erhöhten Triglyzeriden oder Insulinresistenz ist das LDL-Cholesterin oft unauffällig, während die Partikelzahl erhöht ist. Genau diese Konstellation wird regelmässig übersehen.
Was ist der Unterschied zwischen LDL-Cholesterin und ApoB?
LDL-Cholesterin misst die transportierte Cholesterinmenge, ApoB die Anzahl der transportierenden Partikel. Für die Gefässwand zählt die Anzahl, weil jedes einzelne Partikel eindringen kann.
Warum Ultraschall der Leiste und nicht nur des Herzens?
Weil Ablagerungen dort am frühesten sichtbar werden. In der PESA-Kohorte, einer grossen Untersuchung an beschwerdefreien Erwachsenen mittleren Alters, fanden sich Plaques am häufigsten in den Becken- und Leistengefässen, danach in den Halsschlagadern, und erst zuletzt zeigten sich Verkalkungen an den Herzkranzgefässen.
Kann Plaque wirklich zurückgehen?
Eine vollständige Rückbildung ist unrealistisch. Eine Verringerung des Volumens und vor allem eine Stabilisierung sind bei ausreichend tiefen Werten in Bildgebungsstudien konsistent gezeigt worden.
Ab welchem Alter ist eine Abklärung sinnvoll?
Eine erste Standortbestimmung mit ApoB und Lp(a) ist ab dem jungen Erwachsenenalter sinnvoll, spätestens ab 30 bis 35, insbesondere bei familiärer Vorbelastung. Bildgebung dann, wenn ihr Ergebnis die Strategie verändern würde.
Was bedeutet ein erhöhtes Lp(a) für mich?
Es bedeutet ein von Geburt an erhöhtes Grundrisiko, das sich derzeit nur eingeschränkt direkt senken lässt. Praktisch heisst das: Alle anderen Stellschrauben, allen voran ApoB, werden konsequenter angegangen, und die Bildgebung erfolgt früher.
Ist ein Herzinfarkt in der Familie automatisch ein Risiko?
Relevant ist vor allem ein Ereignis bei Eltern oder Geschwistern in jungen Jahren, bei Männern vor dem 55., bei Frauen vor dem 65. Lebensjahr. Das ist ein starkes Signal, die eigene Standortbestimmung nicht aufzuschieben.
Werden diese Untersuchungen von der Krankenkasse übernommen?
In der Regel nicht im präventiven Kontext. ApoB, Lp(a) und eine vorsorgliche Gefässdarstellung ohne konkreten Krankheitsverdacht sind meist selbst zu tragen.
Die Kurzfassung
Wer wissen will, ob seine Gefässe gesund sind, braucht zwei Blickrichtungen. Den Antrieb: wie viele gefässschädigende Partikel unterwegs sind, wie lange sie das schon sind, und was sie zusätzlich befeuert. Und die Manifestation: ob bereits Ablagerungen vorhanden sind, und wie viele.
Der klassische Cholesterinwert und ein Zehnjahresrisiko beantworten keine dieser Fragen zuverlässig.
Das Zeitfenster, in dem sie den grössten Unterschied machen, liegt nicht mit 60. Es liegt zwanzig bis dreissig Jahre früher.
Und das Ziel heisst dort nicht «normal».
In einer Bevölkerung, in der Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache sind, ist «üblich» kein sinnvolles Ziel.
Quellen und weiterführende Literatur
- ESC/EAS-Leitlinie zur Behandlung von Dyslipidämien (European Society of Cardiology / European Atherosclerosis Society): Grundlage der aktuellen Zielwert- und Risikologik.
- EAS-Konsensuspapier zur Kausalität von ApoB-haltigen Lipoproteinen: Zusammenfassung der genetischen, epidemiologischen und randomisierten Evidenz zur ursächlichen Rolle von LDL und weiteren ApoB-Partikeln.
- EAS-Konsensuspapier zu Lipoprotein(a): Bedeutung, Messung und klinische Konsequenzen von Lp(a).
- PDAY (Pathobiological Determinants of Atherosclerosis in Youth): Autopsiestudie zu frühen Gefässveränderungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
- PESA (Progression of Early Subclinical Atherosclerosis): Bildgebungskohorte bei beschwerdefreien Erwachsenen mittleren Alters, Verteilungsmuster subklinischer Atherosklerose in Leiste, Halsschlagadern und Herzkranzgefässen.
- CARDIA (Coronary Artery Risk Development in Young Adults): Verläufe von ApoB über das frühe Erwachsenenalter und Bedeutung der kumulativen Exposition.
Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er beschreibt, wie ich in meiner Praxis denke und arbeite. Jede Entscheidung wird individuell getroffen.
Möchtest Du Deine eigene Standortbestimmung?
Im Starting Point gehen wir Deine Werte, Deine Familiengeschichte und Deine Ziele in Ruhe durch und legen fest, welche Diagnostik in Deiner Situation wirklich etwas verändert.
Starting Point buchenDr. med. Manuel Puntschuh, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH. Longevity Medicine, Basel. Stand: August 2026